"Jeder hat eine zweite Chance verdient"

Landesrätin Maga Doris Kampus spricht mit und auf augenhöhe über ihren ersten Ferienjob, unvorhersehbare Veränderungen und junge Flüchtlinge.

Als Landesrätin für Soziales und Integration sind Sie Fördergeberin für viele gemeinnützige Projekte, heidenspass ist eines davon. Wie stehen Sie aus persönlicher Sicht zum Gedanken dahinter?

Ich halte sehr viel davon. heidenspass und andere Initiativen sind Partner, die real das tun, was wir in der Politik an Zielen definieren. Ich glaube, man muss alles tun, um junge Menschen im Bildungsprozess zu halten. Das muss nicht immer das herkömmliche Schulsystem bedeuten, weil es für manche einfach nicht passt. Es wäre aber ein Riesenfehler, diese jungen Leute einfach aufzugeben. Was immer gelten sollte, und besonders bei Jugendlichen, ist, dass man im Leben eine zweite Chance verdient. Es gibt viele Jugendliche, die ihre erste Chance vertan haben. Das „Warum“ bringt uns dabei nicht weiter, sondern das „Wie helfen wir diesen Menschen, ihren guten Platz im Leben zu finden?“ Es braucht Maßnahmen, die Jugendliche au angen, anleiten und sagen: „Zeig was du kannst!“ Junge Menschen können unglaublich viel, man sieht es nur oft auf den ersten Blick nicht.

Derzeit gibt es viele junge Flüchtlinge im Asylverfahren, die gerne Arbeit bei uns hätten, aber dazu nur wenige Möglichkeiten bekommen. Haben sie hier Lösungsansätze?

Integration ist nicht die eine große Maßnahme. Es sind viele kleine Schritte, wo man auch viele Partner braucht. Damit meine ich vor allem Bildung. Diese jungen Menschen müssen die Möglichkeit haben, in unser Bildungssystem eintreten zu können. Wir haben gemeinsam mit dem AMS eine Begleitmaßnahme gestartet, wo für viele junge Menschen Platz sein wird, wo sie eine gewisse Tagesstruktur haben, eine schulähnliche Ausbildung bekommen, Deutsch lernen und die Werte unserer Gesellschaft kennenlernen. Was ich sehr bedauere ist, dass bei der neu beschlossenen Ausbildungspflicht bis 18 diese jugendlichen Flüchtlinge dezidiert ausgeschlossen sind. Ich begrüße die Ausbildungspflicht, aber das verstehe ich nicht und ich halte es für einen Fehler. Um AMS-Chef Kopf zu zitieren: „Jeder der sagt, jeder Euro der in Deutschkurse und Maßnahmen investiert wird, ist einer zu viel, der irrt.“ Ich denke, jeden Euro, der dort investiert wird, ersparen wir uns später in der Armutsbekämpfung. Das Land Steiermark und das AMS haben die Deutschkurse auf über 9000 Plätze aufgestockt, sodass die Menschen flächendeckend Deutsch lernen können. Denn ich sage immer: „Wenn ich die Sprache eines Landes nicht kann, wie soll ich dann Integration leben können?“

Wie sinnvoll ist denn die Ausbildungspflicht, wenn ein Pflichtschüler noch nicht weiß, welchen Lehrberuf er machen möchte, aber er auf keinen Fall in eine weiterführende Schule gehen will?

Ich halte es trotzdem für sinnvoll. Ich habe selbst drei Kinder, also eine gewisse Erfahrung, was das betri t und ich finde, man darf junge Menschen in einem bestimmten Alter nicht überfordern. Einer meiner Söhne ist gerade 16. In diesem Alter – mit 14, 15,16 Jahren – ist man noch nicht in der Lage, alles Notwendige, mitsamt den Konsequenzen, abzuschätzen. Das heißt, selbst wenn jemand jetzt sagt: „Interessiert mich nicht“, ist es trotzdem gut ihm oder ihr Schulen nahe zu halten. Vielleicht nicht unbedingt den klassischen Schulbesuch, wenn dieser nicht passt. Wir haben viele unterschiedliche Möglichkeiten, auch in der Lehre, auf solche Bedürfnisse einzugehen. Es ist wichtig jungen Menschen mitzugeben, dass Bildung immer ein Thema bleiben wird. Nicht weil es Zwang, Druck oder Notwendigkeit ist, sondern weil es wichtig und gut für das Leben ist.


Wenn Sie sich an ihre Jugend zurückerinnern, war für Sie persönlich der Einstieg ins Berufsleben schwierig?

Irgendwie gar nicht. Wenn ich jetzt so nachdenke, war es immer Teil meines Lebens, während der Ferien und dem Studium, mir so einen Teil zu verdienen. Ich habe Sprachwissenschaften und Jus studiert. Jus nicht abgeschlossen, Sprachwissenschaften abgeschlossen. Dann hat die Firma Knapp Logistik nach Marketing- MitarbeiterInnen für den Lateinamerikanischen Raum gesucht. Da ich Spanisch studiert habe, hat das gepasst. Es war ein sanftes Reinrutschen in die Arbeitswelt und seitdem hat mich eines geprägt bzw. habe ich einiges gelernt: Man sollte nicht zu viel planen. Man sollte nur eines planen und zwar, dass die Welt sich ständig verändern wird. Das ist es auch, was man jungen Leuten mitgeben muss. Die Bereitschaft neugierig zu bleiben, Dinge interessant zu finden, sich umzuhören und umzuschauen. Das ist die beste Voraussetzung, dass man auch gut im Arbeitsleben seinen Platz findet. Es gibt immer wieder Chancen, auch wenn man das nicht glaubt.

Was war ihr erster Ferienjob?

Ich komme aus der Weststeiermark, Köflach, und habe mit 15 in der dortigen Glasfabrik gearbeitet. Ich habe am Fließband die Medizinflascherl, die dort produziert wurden, aussortieren müssen. Das tat ich zwei, drei Jahre. Danach war ich viele Jahre im Gastgewerbe und habe, wie viele Studenten, als Kellnerin gearbeitet. Ich habe auch viel im Ausland gearbeitet.

Was hat sich seit ihrer Jugend für junge Menschen am meisten verändert?

Definitiv die technologischen Rahmenbedingungen. Das erlebe ich hautnah mit. Ich sage immer: „Das Internet ist Segen und Fluch zugleich.“ Die Herausforderungen, die Geschwindigkeit, der Druck und – jetzt klinge ich womöglich wie eine alte Oma – auch die sozialen Kontakte. Wo man sich früher getro en hat, wird jetzt oft nur per WhatsApp oder Facebook kommuniziert. Mit diesen rasanten Veränderungen hat sich auch der Druck und das Anspruchsniveau in der Arbeitswelt erhöht. Man erwartet sich sehr viel von jungen Menschen. Und da muss man die nötige Stärke mitbringen, um zu sagen: „Alles zu seiner Zeit.“ Behaupten musste man sich schon immer, zeigen was man kann musste man in jeder Generation, aber das Rundherum ist schneller geworden. Das ist manchmal super, manchmal nicht.

Danke für das Interview!

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