Eines Tages möchte ich... arbeitslos werden?!

Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern. Letzte Klasse Handelsakademie. Das erste Halbjahr war um und die Matura rückte näher. Jeder von uns konnte es kaum erwarten, die Prüfungen endlich hinter sich zu haben – die SCHULE endlich hinter sich zu haben. Wie oft machten wir Scherze darüber: „In 2 Monaten sind wir arbeitslos! Haha“

Tja, und dann war es soweit. Mit dem Zeugnis in der Hand sind wir in die weite (Arbeits-) Welt geschickt worden und zumindest für mich war auf einmal klar: Ich habe keine Ahnung was ich will. Nun steht man da, Matura in der Hand, und weiß einfach nicht wohin es einen zieht. Zu diesem Zeitpunkt war klar – ich falle in die Jugendarbeitslosigkeit, wenn ich mich nicht wenigstens um irgendeinen Job oder eine weitere Ausbildung kümmere.

Aber... was ist denn eigentlich „Jugendarbeitslosigkeit“?

Wie der Name schon sagt, definiert sie die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen. Das betrifft alle Menschen im Alter von 15-24 Jahren. Sie wird berechnet, indem man die Gesamtheit aller Jugendlichen nimmt und davon diejenigen abzieht, die in Ausbildung oder Studium sind. Schon hier fängt das Problem mit den Zahlen an. Immerhin gibt es genug Studierende, die trotzdem auf Jobsuche, also in gewisser Hinsicht auch arbeitslos sind. Laut einer Anfrage beim AMS Steiermark haben Jugendliche auch noch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld: „Jugendliche haben sich in der Regel noch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld erworben, daher können sie auch keine finanziellen Leistungen vom AMS beziehen. Unter Umständen könnte Mindestsicherung beantragt werden.“ – Was aber nicht heißt, dass man diese auch erhält.

NEETS - Not in education, employment or training.

Die Abkürzung „NEET“ gibt es schon seit den 90ern und sie tri t derzeit auf etliche tausend Jugendliche in Österreich zu. Mit diesem Akronym werden jene Jugendlichen beschrieben, die weder zur Schule gehen noch eine Arbeit haben oder eine berufliche Ausbildung machen. Die stellvertretende Leiterin des Japan Institute for Labor Policy and Training, Reiko Kosugi, unterteilt NEETS in vier Typen:

1. den antisozialen und hedonistischen Typen, der nicht arbeiten möchte
2. den zurückgezogenen Typen, der zu introvertiert ist und sich dadurch abkapselt
3. den paralysierten Typen, der zu viel nachdenkt und durch sein passives Verhalten in die Arbeitslosigkeit fällt
4. den entzauberten Typen, der schon eine Anstellung hatte und nach längerer Suche resigniert hat

Alle vier Typen haben unterschiedliche Zugänge zur Arbeitswelt und mit einer allgemeinen Lösung würde nur einem Teil von ihnen geholfen werden. Grundsätzlich sollte man sich überlegen wie es überhaupt dazu kommt, dass es immer mehr Jugendliche gibt, die arbeitslos sind.

Viele Wege führen zum Ziel – oder auch nicht

Jugendarbeitslosigkeit betrifft nicht hauptsächlich Menschen, die einen Schulabschluss haben. So sind es in erster Linie Schulabbrecher, die in eine längerfristige Arbeitslosigkeit fallen. Gründe für einen Schulabbruch können unter anderem Mobbing oder das steigende Desinteresse am Lernen sein. Die Bedürfnisse der Schüler haben sich verändert, unser Bildungssystem leider noch nicht so richtig. Es hat den Anschein, als ob es heutzutage nur noch zählt, die Jugendlichen für das System zu formen. Die Individualität geht so völlig verloren. Wie viele können denn wirklich von sich behaupten, ihren Traumberuf zu haben? Wer hat das Thema Geld bei seiner Berufswahl außen vor gelassen? Was zählt das System eigentlich, wenn es von heute auf morgen nicht mehr existiert? Wenn es im Land plötzlich zu Krieg und Terror kommt, entscheiden sich viele junge Menschen, sich in Sicherheit zu bringen und gegebenenfalls auch ihre Ausbildung abzubrechen.

Reza, 21, ist vor 5 Jahren von Afghanistan nach Österreich geflüchtet. Alleine. Deutsch hat er im Asylheim gelernt und mittlerweile auch den Pflichtschulabschluss nachgeholt – in Afghanistan hatte er nicht wirklich die Möglichkeit in die Schule zu gehen – er musste als Maler oder Automechaniker Geld für seine Familie mitverdienen. Bei heidenspass hat er nun die Möglichkeit, sich ein kleines Taschengeld zu verdienen. Er hilft in der Werkstätte und ab und an auch in der Küche.Sein größter Wunsch wäre es, irgendwo eine Lehrstelle als Bäcker zu finden. Hilfe bei der Suche gibt es aber mehr schlecht als recht. Natürlich steht er in Kontakt mit dem AMS, aber für ihn hat es den Anschein, als ob die vorhandenen Lehrstellen eher an Einheimische vergeben würden.

Das Problem Anschluss zu finden hat auch Mohammad, 21, aus Syrien. Der junge Mann ist, mit seinem Bruder vor etwas über einem Jahr nach Österreich gekommen. Mohammad war in der Abschlussklasse und kurz davor, seine Matura zu machen, als der Krieg ihn gezwungen hat, sein Heimatland zu verlassen. Sein Wunsch ist es jetzt, den Abschluss in Österreich nachzuholen, zu studieren und später mal als Anwalt Karriere zu machen. Dankbar, in Österreich sein zu dürfen und eine 2. Chance zu bekommen, ist Mohammad auf jeden Fall. Trotzdem ist auch er von der Arbeitslosigkeit betro en und versucht sich durch die Arbeit in der Küche von heidenspass in die Gesellschaft miteinzubringen. „Es ist wie eine Familie für mich“, sagt Mohammad über das Sozialprojekt und trotzdem würde er nicht behaupten, in über 15 Monaten Freunde gefunden zu haben. Zurückhaltend erzählt er mir, dass er doch eher introvertiert ist und lieber liest, anstatt viel auszugehen.

„Durch‘s Reden kommen die Leit zamm“

... sagt man so schön. Nur wie geht man mit zurückgezogenen NEETs wie Mohammad vor? Nicht nur Flüchtlinge stehen am äußersten Rande der Gesellschaft. Auch Suchtkrankheiten oder psychische Probleme können oft verhindern, dass man Anschluss in der Arbeitswelt findet. Eine Drogensucht oder psychische Probleme kann und darf man nicht mit einem „ja, ist halt gescheitert“ abtun. Diese Umstände behindern einen im täglichen Leben und führen im schlimmsten Fall zum Verlust von sozialen Kontakten und Job. Den Einstieg wieder zu finden ist unheimlich schwer und Plätze in ö entlichen Einrichtungen sind Mangelware. Nichtsdestotrotz hat sich die österreichische Regierung darin versucht, dem Problem Jugendarbeitslosigkeit den Kampf anzusagen.

Ausbildungspflicht

Mit der Ausbildungspflicht bis 18, die im Juli in Österreich beschlossen wurde, gibt es nun einen neuen Ansatz, die Jugendarbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. Beschäftigt man sich aber näher mit der Erklärung des Sozialministeriums, so scheint es, dass das Ziel hauptsächlich darin besteht, die Zahlen zu senken und die Jugendlichen einfach zu einer Ausbildung zu zwingen. Zählt hier wirklich noch das, was die Jugendlichen eigentlich mit ihrem Leben machen wollen? Jemand, der mit Leidenschaft bei der Sache ist, wird wesentlich e ektiver und kreativer arbeiten,als jemand, der dazu gezwungen wird. Bei der sogenannten „Ausbildungspflicht“ sollte man sich deshalb durchaus die Frage stellen: Will die Regierung wirklich den Jugendlichen, der Wirtschaft oder sich selbst helfen? Jugendliche Asylwerber werden von der Ausbildungspflicht übrigens ausgeschlossen. Für sie soll es stattdessen zusätzliche Sprach- und Alphabetisierungskurse geben.

  • 75.000 Jugendliche weder in Ausbildung noch erwerbstätig
  • 37.000 Jugendliche länger als 6 Monate ohne Erwerb oder Bildungszugang
  • 12.000 NEETs sind psychisch beeinträchtigt
  • ca. 5000 Jugendliche brechen pro Jahr die Schule ab - ohne eine weitere Schule oder Lehre anzufangen

Kerstin Wutti 28, studiert Germanistik an der KFU Graz und schreibt für augenhöhe, weil jeder einzelne seinen Teil zu einer besseren Gesellschaft beitragen kann – und sei es nur, durch das Schreiben gewisse Themen wieder in das Bewusstsein der Menschen zu bringen.

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